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Vertauschte Rollen für einen Tag

Rad ab am Girls' And Boys' Day


Der Drehmomentschlüssel kann was.


Rad ab, Rad dran, gar nicht so einfach.

In der Werkstatt von Ford Reintges tummeln sich die "Blaumänner". Heute haben sich ausnahmsweise mal zwei "Blaufrauen" dazugesellt, das aber nur zur Hälfte. Sie brauchten nur die Oberteile wechseln, ihre Jeans durften sie anbehalten. Werkstattleiter Sitki Agca weist gerade Elif und Lara ein. Der Schlagschrauber heult auf, die beiden Mädchen müssen ein Rad abschrauben. Mit vereinten Kräften heben sie es dann herunter. Rad runter und wieder drauf. Wie herum jetzt noch mal? Der Meister probiert es mit Ironie: "In Deutschland werden die Schrauben rechts herum angezogen." Die Mädchen lächeln etwas unsicher, in der Männerwelt werden Sprüche geklopft. Aber sie packen zu und bald ist das Rad wieder dran. Jetzt holt der Meister zu etwas Theorie aus. Oha, Physik! Newtonmeter und Kilogramm. Der Drehmoment-schlüssel muss auf 113 Kilo Anzugskraft eingestellt werden. Und dann das Gleiche in Handarbeit. Aber erst mal die Radzierblende runter. "An die Arbeit", tönt der Meister und auf geht' s. Jetzt hat jede ein Rad ab. Einige Lehrlinge stehen drum herum und versuchen, möglichst neutral zu gucken. Aber Mädchen in der Werkstatt sind schon etwas Besonderes.


Selbst geknetet, der Teig. Und jetzt die Torteletts ausstechen.



Vom Café aus hat man einen wunderschönen Blick übers Ruhrtal. Die Konditorei Gräler liegt an einer einmaligen Stelle. Christopher hat davon leider nichts. Er steht im Keller in der Backstube und sticht Mürbeteig-Torteletts aus. Seine Schicht begann um acht Uhr und seither ist er ganz in der Produktion. Erdbeeren schneiden, Säfte in die Kühlung bringen, Torten verzieren und ins Café tragen, Brezel und Marzipaneier herstellen. Den Mürbeteig hat er selbst geknetet, deswegen weiß er auch, was drin ist: "Butter, Puderzucker, Eier, Mehl und Backpulver". Konditormeister Gräler scheint zufrieden mit seinem Praktikanten am heutigen Girls' And Boys' Day. Über Nachwuchsmangel kann er nicht klagen, anders als im Bäckerhandwerk sieht's in seiner Branche noch gut aus, obwohl auch in seinem Betrieb die Schicht um vier Uhr beginnt. Derweil knetet Christopher die Teigreste mit bloßen Händen wieder zusammen. Die Maschine walzt den Klumpen flach und Christopher kann erneut Torteletts ausstechen, die anschließend einen Makronenrand bekommen. Nach dem Backen belegt er sie mit Erdbeeren, Tortenguss drüber und fertig. Christopher macht die Arbeit Spaß. "Das wär' was für mich", meint er. Der Meister hört' s gerne.


Selbst poliert und geleimt. Mara kann stolz sein.

Ausgerechnet heute streiken die Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe, als Mara quer durch die halbe Stadt muss. Aber Mitleid ist hier völlig unangebracht. Mit stoischer Gelassenheit benutzt sie Fahrrad und Deutsche Bahn und ist pünktlich bei ihrer Arbeit beim Möbeldesign- und Tischlereibetrieb Bosée/Raithel. Sie lernt Holzbearbeiten und Oberflächenbehandlung, Vorzeichnen und Leimen. Dieser Beruf ist der, von dem sie träumt. Sie liebt den Geruch von Holz, Entwerfen ist ihr Ziel. "Ich mag Holz und möchte als Möbeldesignerin arbeiten und vorher eine Tischlerlehre machen", bekennt Mara. Für den Moment braucht sie allerdings Geduld, denn das frisch verleimte und polierte HiFi-Möbelstück ist in der Zwinge und der Leim braucht seine Zeit zum Trocknen. Da kann sie sich wieder ihrer Blütenpresse zuwenden, einem Werkzeug aus Holz, das sie vorher schon begonnen hat, zusammen mit einem Türkeil und einem Kartenständer. Aber jetzt muss sie den Hörschutz aufsetzen, denn im Hintergrund beginnt eine Sägemaschine zu laufen.


Mit Pferden kennt er sich aus. Dennis erklärt den Körperbau.

Dennis liebt die Natur über alles und ist am Wochenende jede freie Minute im Freien. Das Tierspital Wallney kennt er schon länger, die Familie hatte über Jahre ein Pferd und ließ es dort betreuen. Heute heißt es, mit dem Veterinär Dr. Künzel Großtiere in der Umgebung aufzusuchen und gegen Tetanus zu impfen. Auch wenn sie manchmal unruhig schnauben, die Tiere kennen den Arzt, der beruhigend auf sie einredet und lassen die Prozedur geduldig über sich ergehen. Ein Lamm hat ein geschwollenes Auge, der Arzt versucht, durch einen Stich in das Gewebe eine Flüssigkeitsan-sammlung aufzulösen. Ohne Erfolg. Der Vorgang muss in einigen Tagen wiederholt werden. Dennis bleibt gelassen. Er weiß, wie es ist, wenn man sich um Tiere kümmert. Das ist das pralle Leben, da gibt es Blut und Gewebsflüssigkeiten, Anblicke und Gerüche, die man aushalten können muss. Und als nachher noch ein paar Kleintiere in der Praxis zu verarzten sind, wirkt es, als seien das die berühmten "kleinen Fische". Tierarztpraxis - eine Frauendomäne? "Nein", meint Dennis, "wieso?" Er versteht die Frage gar nicht. Gut so.


Wasser marsch!


Chiara sieht aus wie ein Feuerwehrprofi.

Dunkelblau sind die Schutzanzüge, die Chiara und ihre Mitschülerinnen in der Ausbildungsstätte der Essener Berufsfeuerwehr tragen. Dazu der eindrucksvolle Schutzhelm - nichts für den Schulalltag, aber im harten Feuerwehrdienst unverzichtbar. Ein hässliches Geräusch von berstendem Glas und knackendem Metall begleitet ihre Aktion, bei der es eine Autotür aufzuspreizen und Holmen durchzuschneiden gilt. Beides wichtige Voraussetzungen, um in Autowracks eingeklemmte Personen zu befreien. Wasserschläuche abrollen will gelernt sein, deshalb fällt manchem ungelernten Mädchen der zur Schnecke gerollte Schlauch mit einem deutlich hörbaren "Plopp" direkt vor die Füße, statt elegant Strecke zu machen. Dafür ist ihre Treffsicherheit besser, als sie mit dem Wasserstrahl auf Eimer zielen. Deutlich blasser wurde so manche Nasenspitze nach der Fahrt mit der Drehleiter auf 30 Meter, auch Chiaras. Trotzdem: "Der Tag hat uns allen großen Spaß gemacht."


Den Kindermöbeln längst entwachsen. Mats deckt den Tisch.


Silver Moon und Cindy helfen beim Vermitteln der englischen Sprache.

Der einzige Mann weit und breit ist Mats in der deutsch-englischen Kita. Stop, einen gibt's doch noch, es ist Silver Moon, die kanadische Indianerpuppe, die zusammen mit den Puppen Zoe und Cindy bei der Sprachvermittlung hilft. Aber das war's auch schon mit der Männlichkeit, Kitas sind seit langem in weiblicher Hand. Hier soll sich nach dem Wunsch der Träger etwas tun. Deswegen ist dieser Tag besonders geeignet, Jungen einen Einblick in die Welt der Kinder zu bieten. Die begrüßen ihn ab 7.15 Uhr neugierig und beim Morning Circle ist Mats mittendrin, als wäre es nie anders gewesen. Es wird gesungen, auf Englisch, versteht sich, ein Lied über die Körperteile, dann geht es um Zahlen: "One, two, three…" Wie fühlt er sich dabei? "Es ist schon ein Frauenberuf", meint Mats. Dabei fügt er sich gut ein in die Welt der deutsch-englischen Schautafeln, der Puzzles, Baukästen, Spielecken und Schaukelpferde. Im Nebenraum gibt es gerade Kummer, ein Kind weint und wird getröstet. Unterdessen deckt Mats die Kindertische ein fürs Mittagessen. Er muss sich weit hinunterbeugen, die Möbel sind kindgerecht niedrig. "Children, put your toys away", schallt es von hinten, Zeit fürs Mittagessen. Den Afternoon Tea gibt's für die Kinder noch nicht, aber sie könnten ihn fehlerfrei aussprechen.
Michael Rausch



Veröffentlicht am:
07.04.2014