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Brasilien ist mehr als Fußball



Im Rahmen einer Projektarbeit für Politik interviewten Schülerinnen der 8a am Montag den 28.10.13 den Autor, Soziologen und Anthropologen Martin Curi im Presseraum des MSV Duisburg.

Martin Curi lebt seit über 10 Jahren in Brasilien und hat einen Forschungsauftrag an der Universität von Rio de Janeiro. Im Rahmen seiner Forschungen beobachtet er unter anderem, wie Brasilien im Ausland wahrgenommen wird und was das Land grundsätzlich über den Fußball und die WM 2014 hinaus nach außen darstellt. Aufgrund seiner Arbeit und seiner tiefen Zuneigung zu diesem Sport ist er ein sehr guter Kenner des brasilianischen Fußballs und der brasilianischen Gesellschaft geworden. Im Augenblick ist er auf Lesereise durch Deutschland und stellt sein Buch „Brasilien - Land des Fußballs“ vor. Vom DFB und anderen Organisationen wird er aber auch eingeladen, die Hintergründe und Auswirkungen der Proteste in Brasilien während des Konföderation Cups (Juni 2013) aus seiner Sicht darzustellen.

Da sich unsere Projektarbeit mit den Protesten und den Auswirkungen auf den Fußball beschäftigt nutzten wir die Gelegenheit ihn ortsnah zu befragen.

Zunächst erfuhren wir, dass er am 20.06.13 zufällig in eine der Demonstrationen vor dem WM Stadion Fonte Nova in Salvador da Bahia geraten war. Friedlich, seiner Meinung nach sogar eher fröhlich machten die Protestler auf ihre Anliegen wie,  „Keine Erhöhung der Bustickets; Verbessert das Bildungssystem; Reformiert das Gesundheitssystem; Bekämpft die Korruption“ aufmerksam. Die Inhalte machen zudem  deutlich, dass eher die neue Mittelschicht, die im Zuge des Wirtschaftsbooms entstanden ist, auf die Straße gegangen ist, als die Unterschicht. Da die Demonstration unmittelbar vor dem Stadion stattfand,  reagierte die Polizei übertrieben hart und warf Tränengasbomben in die Menge, um die Versammlung aufzulösen.  Auf Seiten der Demonstranten entstand eine große Wut, die sich in der Zerstörung von allerlei Gegenständen wie z.B. Autos entlud. Die Gegend um das Stadion glich anschließend einem Ort der Zerstörung.

Die meisten Demonstrationen verliefen aber friedlich. Da am 20.06.13 in ganz Brasilien mehrere Hunderttausend Menschen auf die Straße gegangen waren, reagierte die Regierung der Präsidentin Dilma Rousseff umgehend. Das WM Vorbereitungsturnier und das Land Brasilien sollten durch die anwesende internationale Presse nicht weiter in ein schlechtes Licht gerückt werden.

Ein Antikorruptionsgesetz wurde verabschiedet, Ärzte aus Kuba abgeworben und in vielen Städten  die Preiserhöhung für Bustickets rückgängig gemacht. Regional wird aber weiter für lokale Themen  demonstriert und eine dringend benötigte Verbesserung der Infrastruktur steht noch aus.

Insgesamt ist Martin Curi der Auffassung, dass die Demonstranten das Fußballturnier und die internationale Medienpräsenz nicht für ihre Zwecke missbraucht haben. Alle Brasilianer lieben den Fußball, ein Fußballturnier ist ein Nationalmonat. Wenn die Selecao spielt, steht das Land still. Fußball ist in Brasilien ein nationales Ritual, fast alles wird über den Fußball erklärt. Wie schon bei vorherigen Turnieren wurden nationale Themen über den Fußball transportiert. Die Protestler  wollten dazu anregen über das Volk und das Land zu diskutieren. Was heißt es Brasilianer zu sein?  1950 waren es die Rassenunterschiede, 1982 die Redemokratisierung Brasiliens und 2013 soziale Ungerechtigkeiten.

Im Weitern befragten wir ihn zu möglichen Auswirkungen des Fußballs und der WM 2014 auf das Land selbst.

Insgesamt ist davon auszugehen, dass viele Menschen, Unternehmen und Organisationen große Hoffnungen auf viel Geld haben. Die FIFA verlangt von den Ausrichtern enorm viel und genehmigt sich unter anderem Steuerbefreiung bei allen Einnahmen.  Ähnlich wie Deutschland (2006) und Südafrika (2010) wird der Staat Brasilien hinsichtlich seiner Investitionen und Einnahmen wohl plus minus null rausgehen.  Für die Bewohner gilt, die Lebenshaltungskosten werden steigen und Übernachtungen in Hotels werden deutlich teurer.

Die Vergabe der Austragungsorte zeigt, dass manchmal nicht der Fußball, sondern das Promoten des Landes im Vordergrund stand. Cuiaba hat überhaupt keinen Fußballverein, das Stadion soll im Anschluss eventuell als Gefängnis genutzt werden. Die Erneuerung aller Stadien hat zu einer enormen Erhöhung der Eintrittspreise geführt. Ligaspiele, z.B. im Maracanastadion in Rio werden zurzeit nur von gut 10.000 Zuschauern verfolgt. Nur dieses Stadion wird 2016 auch noch für die olympischen Spiele genutzt.  Im Zuge der Um-, Neu- und Anschlussmaßnahmen wurden aber viele Hausbesitzer  enteignet. Zudem verteuerte sich das Wohnen im Umfeld der modernisierten Viertel, so dass viele Bewohner wegziehen mussten.

Weiterhin hat die Präsenz von Medienvertretern aller Art extrem zugenommen, auch die Themenvielfalt über die berichtet wird nimmt deutlich zu. Dies könnte den Tourismus beleben. Da aber Brasilien 32 Mal größer ist als Deutschland, die Straßen-, Flug- und Eisenbahnnetze schlecht sind, reisen also beschwerlich und teuer ist, wird die Wirkung sich auf wenige Regionen beschränken.

Der Besuch der WM 2014 wird für die Fußballfans teuer. Dies erklärt vielleicht auch, dass die meisten Tickets der ersten Verkaufsrunden von Amerikanern und Brasilianern gekauft wurden.

Es gäbe noch viel mehr zu berichten. Wir danken noch einmal Martin Curi für die Zeit die er sich genommen hat und das gehaltvolle Gespräch. Wer mehr über das Thema, den Autor und den Fußball in Brasilien erfahren möchte verfolgt am besten seinen höchst interessanten Blog - http://imlanddesfussballs.blogspot.de/ oder liest sein Buch – Brasilien Land des Fußballs.
Thea Tubbenthal, Maja Schulte, Hannah Peters,
Paula von Bonn, Donja Ameri Deh Abadi, 8a
Marcus Biesemann




Veröffentlicht am:
04.11.2013