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Albert-Einstein-Realschule      Offener Ganztag - individuell gestaltet

„Es muss krachen“

Professor Roland Brakes Plädoyer für die Kinder


Professor Roland Brake vor „heimischer Kulisse“ in der AES-Aula.

„Die große Scheibe da habe ich auch zerschlagen“, erinnert sich der Professor in verblüffender Offenheit. Der ehemalige AES-Schüler deutet auf ein Fenster im Flur. Beim anschließenden Vortrag in der Aula sprengt seine Offenheit sämtliche Grenzen. Professor Dr. Roland Brake berichtet auf Einladung der Elternbildungskonferenz im Essener Süden aus seiner grauenhaften Kindheit im Rellinghausen der 60er Jahre. Den rund vierzig Zuhörern, die allesamt in pädagogischen und sozialen Berufen tätig sind, stockt der Atem. Nur manchmal ist vernehmliches Schlucken zu hören, wenn der Kloß im Hals zu groß wird.

Prügel, seelische Misshandlung, Vernachlässigung erleben der Junge und seine Brüder im Elternhaus. Erst durch Lehrer der Albert-Einstein-Schule erfährt er zum ersten Mal etwas wie Zuwendung. Trotz seines aufsässigen Verhaltens („Ich war ein Rowdy.“) zeigen sie Interesse an ihm, erkennen sein Potential. „Es gab plötzlich Erwachsene, die sich um mich kümmerten, die danach fragten wie es mir ging.“ Diese Erwachsenen drehen wohl auch, so vermutet Roland Brake, an den Schulnoten, die er für die höhere Schule braucht.

Er schildert einen Lehrertyp, der sich um Vorschriften nicht schert, dafür aber echt, klar und authentisch ist, der Bedürfnisse erkennt. Diese Menschen wecken etwas im Schüler Brake, das bis dahin vor sich hin gekümmert hat. Und so wird aus dem prügelnden, störenden und frechen Jungen ein ehrgeiziger junger Sozialarbeiter, ein Einser-Student, der promoviert, Professor an der Katholischen Hochschule Aachen wird und eine Praxis für Psychotherapie betreibt. „Was wir sind, ist das Ergebnis dessen, wie wir uns mit uns beschäftigen“, lautet sein Credo.

Beifälliges Nicken erntet Roland Brake für seine Kritik an der „Ökonomisierung von Menschen, des gesamten Lebens“. Ein Reizwort ist für ihn „Qualitätsmanagement“. Er beklagt, das pädagogisch und sozial arbeitende Menschen mittlerweile 40 Prozent ihrer Zeit mit dem Ausfüllen von Zetteln verbringen, statt sich den Kindern zu zu wenden. „Seit den 70er Jahren erleben wir den Verlust der Seele“. Man muss nicht einmal religiös sein, um den Sinn der Aussage zu begreifen.

„70 Prozent der Lernprozesse finden außerhalb des Unterrichts statt“, weiß der AES-Altschüler. Da ist es leicht nachvollziehbar, dass „alle Abiturienten bald nach der Prüfung auf einen Wissensstand eines Dreizehnjährigen zurückfallen“. Die Alternative zur Überregulierung sieht Brake in Bindungen zwischen Schülern und Erwachsenen. Leicht gesagt in Zeiten, wo zumindest männliche Lehrer sich aus Vorsicht vor Generalverdacht hüten, mit einer Schülerin allein in einem Raum zu sein. Aber Brake weiß nicht zuletzt aus eigener Erfahrung, dass „Bindungen an Lehrer gebrochene Bindungen im Elternhaus kompensieren“ können. Wieder eine der „Binsenweisheiten“, die er nach eigenem Bekunden an diesem Nachmittag verkündet. Denn all das sei weder neu noch unbekannt.

Ein Patentrezept hat er natürlich auch nicht. Aber er mahnt dringend „persönlichen Mut“ an: „Wir müssen uns gegen die Management-Regierung, gegen die Überregulierung wehren! Wir sind dabei, unseren Verstand zu verlieren. Die Sozialarbeit hat verlernt, auf den Putz zu hauen.“ Seine gleichermaßen düstere wie hoffnungsvolle Prognose: „Es muss krachen, und es wird irgendwann krachen, es ist nur eine Frage der Zeit. Die Zahl der Depressionskranken und Suizide steigt.“

Michael Rausch




Veröffentlicht am:
25.03.2012